Editorial So schmeckt die Krise

So schmeckt die Krise

Auch wenn das Leben da draußen wieder ein bisschen normaler geworden ist, so ganz zurückgekehrt zur Normalität sind wir noch nicht. Bei mir persönlich sind die Besuche in Restaurants und Bars noch seltener als früher, und die privaten Einladungen sind auch noch überschaubar, gerade, was die Zahl der Gäste betrifft. Geht es Ihnen da genauso?
Was sich aber seit dem Frühjahr auch verändert hat, ist die Kompetenz und vielleicht auch die Leidenschaft, mit der bei mir im Freundes- und Bekanntenkreis gekocht und gegrillt wird. Vielleicht haben wir in dieser merkwürdigen Corona-Zeit nicht nur einen riesigen Schritt gemacht, was Onlineshopping, Homeoffice und den Gebrauch digitaler Kommunikationswege angeht, vielleicht hat es auch einen Qualitätsruck in Deutschlands Küchen und auf Deutschlands Terrassen gegeben.
Ich glaube, ich habe in den Sommern zuvor nicht so gut mit und bei Freunden essen können. Da hat sich mitten in der Depression spürbar etwas zum Positiven verändert.
Lebensmittel werden noch sorgfältiger verarbeitet. Rezepturen noch feiner abgeschmeckt. Die Beilagen werden neuerdings mit derselben Liebe zubereitet wie die Hauptzutaten. Und die Diskussion um die Qualität und den Geschmack von Fleisch hat eine neue Dimension erhalten – nicht nur durch den Skandal beim Großschlachter Tönnies.
Wo ich auch hinschaue und hinhöre, wo ich auch kosten darf, immer mehr Menschen machen sich Gedanken über Aufzucht, Fütterung und Schlachtung von Fleischtierrassen, über die Zerlegung, den Transport und die Zubereitung, über tierethische Fragen und die eigene Glaubwürdigkeit. Hoffentlich geht uns dieses mehr an Verantwortung, Bewusstsein, Qualität und Geschmack nicht wieder verloren, wenn der Spuk endlich vorbei ist.

Ihr Jan Spielhagen

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