Editorial Oasen in der Servicewüste

Oasen in der Servicewüste

Als die beiden Pisco Sour nicht auf dem Tisch, sondern auf meinem Pullover, meinem Hemd und meiner Hose landeten, war der Abend eigentlich gelaufen. Ich war nass. Dabei habe ich es dem Verursacher noch nicht einmal übel genommen, Fehler passieren ‒ auch nasse. Dieses Malheur ereignete sich in einem angesagten, feinen Hamburger Hotelrestaurant und hat zuerst nur das Tischgespräch des Abends bestimmt. Dann wurde es bei uns in der Redaktion der Anlass für eine Diskussion über die Komplexität von gutem Service. Und jetzt entsteht dieser Text. Ich frage mich: Was genau hätte das Restaurant machen können, vielleicht müssen, um den Abend zu retten? Passiert ist Folgendes: 1. Der Gastgeber hat sich mehrfach entschuldigt. Das ist naheliegend und richtig. 2. Er hat angekündigt, dass die Drinks ebenso wie die Heißgetränke nach dem Essen nicht auf der Rechnung erscheinen werden. Nicht irre großzügig, aber okay. 3. Er hat mir ein frisches Hemd, einen frischen Pullover, eine frische Hose aus dem Fundus des Hotels angeboten. Ein absurder Vorschlag. Soll ich in den Klamotten ehemaliger Hotelgäste den Abend zubringen? Im kanariengelben Hemd eines vergesslichen Oligarchen? Mit kneifender Hose? 4. Er wollte für die Reinigungskosten aufkommen. Auch naheliegend und ebenso unrealistisch. Möchten Sie ein paar Tage nach so einem Vorfall mit der Quittung in der Hand an der Hotelrezeption stehen, um 17,80 Euro zurückzubekommen? Ein Reinigungsgutschein wäre hier eine gute Idee gewesen. 5. Der Restaurantleiter hat meine E-Mail-Adresse herausgefunden und sich am Tag danach noch mal schriftlich entschuldigt. Ob er das auch getan hätte, wenn ich nicht Chefredakteur eines Food-Magazins gewesen wäre, weiß ich nicht. „Wer nichts wird, wird Wirt“, sagt der Volksmund und irrt sich total. Guter Service ist sauschwer! Den größten Fehler habe ich gemacht. Nach dem Vorfall hätte ich aufstehen und gehen müssen. Manche Abende werden nicht dadurch besser, dass man sie durchsteht.